Montag, 23. Januar 2017

Seanan McGuire: Dusk or Dark or Dawn or Day

Seanan McGuires neuste Veröffentlichung "Dusk or Dark or Dawn or Day" ist wie "Sparrow Hill Road" eine Geistergeschichte, spielt aber in einer Welt, wo die Geister ganz anderen Gesetzen unterliegen als Rose es als Hitchhiker-Ghost tat. Ich muss gestehen, dass ich dieses Mal sehr lange überlegt habe, ob ich mir wirklich das Taschenbuch zulegen soll, denn das Preis-/Leistungsverhältnis (gerade dann, wenn man es mit dem eBook-Preis vergleicht) ist schon recht unausgewogen bei 183 Seiten für 15 Euro. Aber nachdem ich die Leseprobe gelesen hatte, musste ich die Geschichte dann doch in einer "greifbaren" Ausgabe haben. In "Dusk or Dark or Dawn or Day" kann man verfolgen, wie Jenna - die vor 43 Jahren gestorben ist - versucht herauszufinden, was es mit den von einem Tag auf den anderen verschwundenen Geistern New Yorks auf sich hat. Es ist bei einer so kurzen Geschichte schwierig etwas über den Inhalt zu sagen, ohne dabei zu viel über die Handlung zu verraten, deshalb belasse ich es bei dem Satz mit den verschwundenen Geistern.

Besonders spannend fand ich die Regeln, die Seanan McGuire für ihre Geister in dieser Geschichte entworfen hat. So kann man davon ausgehen, dass sehr, sehr viele Menschen zu früh sterben (auch wenn niemand weiß, wie überhaupt festgelegt wird, was zu "früh" ist) und als Geister dann "Lebenszeit" nachholen müssen, bis sie endgültig weitergehen können. Wobei niemand weiß, was mit ihnen passiert, wenn der Tag kommt, an dem sie endgültig sterben. Da Geister nicht von sich aus altern, müssen sie diese "Lebenszeit" von den noch Lebenden nehmen. Was nicht bedeutet, dass diejenigen, denen "Lebenszeit" genommen wurde, früher altern, sondern sie bleiben im Gegenteil länger jung. Natürlich gibt es Personen, die herausgefunden haben, dass man Geister im Prinzip als Jungbrunnen benutzen kann, und die dieses Wissen missbrauchen. Vor allem vor Hexen müssen Geister auf der Hut sein, denn bei diesen hat ein Geist keine Kontrolle darüber, ob er Lebenszeit gibt oder nimmt, während er bei "normalen" Menschen derjenige ist, der das Geben und Nehmen von Zeit kontrolliert.

Jenna fühlt sich nicht wohl damit, wenn sie ungefragt Lebenszeit von Menschen nimmt, und hat deshalb für sich ein System gefunden, mit dem sie sich dieses gestohlene Altern verdienen kann. Ihre Ansichten zu ihrem Dasein als Geist fand ich ebenso spannend wie die wenigen anderen Geister, die man als Leser der Geschichte kennenlernt. Dabei reißt Seanan McGuire die verschiedenen Figuren und ihr jeweiliges Schicksal nur soweit an, dass man eine Vorstellung von dem Charakter bekommt und Sympathie für ihn entwickeln kann. Überhaupt ist die Geschichte sehr begrenzt - sowohl vom Zeitrahmen her als auch von der Handlungsentwicklung her -, aber ich habe es geliebt all die kleinen atmosphärischen Momente mitzuerleben, in denen es um Familie, um Freundschaft, um Heimat und um den Versuch ging, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben.

Vielleicht wäre es noch befriedigender gewesen Jennas Weg zu verfolgen, wenn die Geschichte doppelt so lang gewesen wäre und mehr Raum für all die magischen und absonderlichen Elemente geboten hätte. Aber ich mochte den Roman so wie er ist. Und ich fand es toll, wie all die kleinen Andeutungen und Aussagen zu den Hexen, zu den Regeln der Geister und vielen anderen Dingen meine Fantasie beim Lesen befeuert hat und brauchte eigentlich nicht mehr Details zu all den ungewöhnlichen Ideen, die in "Dusk or Dark or Dawn or Day" von der Autorin verwendet wurden. Ich mag es, wie jede (Geister-)Geschichte von Seanan McGuire so viele weitere Schichten zu beinhalten scheint. Hätte ich die Fähigkeit Geschichten zu erzählen, dann könnte allein schon dieser dünne Roman Inspiration für ganz viele neue (eigenständige) Erzählungen bieten.

Wer nun vielleicht Lust auf die Geschichte hat und kein solches Seanan-McGuire-Fangirl ist wie ich, sollte wohl eher nach dem eBook (je nach Format kostet das gerade zwischen 1,60 und 2,60 Euro) schauen.

Samstag, 21. Januar 2017

Während Christie ...

... ihren neuen Ruheplatz so sehr genießt, dass ich mich nicht traue, die Kartons zu den anderen zu stellen, ...



... ging es für mich in dieser Woche weiter mit dem Packen. Außerdem hat die Nachbarin/neue Vermieterin den gesamten Mittwoch in unserer Wohnung verbracht, um einen Handwerker nach dem anderen durchzuschleusen, damit diese Angebote für Umbauarbeiten nach unserem Auszug machen können. So lästig das für mich und so stressig das für Christie war, so spannend war es auch mitzubekommen, welcher Handwerker welche Maßnahmen als unumgänglich bezeichnete. Bei der Gelegenheit konnte ich mir gleich die Waage der Nachbarin leihen und einmal alle schon gepackten Kartons wiegen. Dummerweise habe ich mir dabei prompt den Rücken etwas verdreht und muss nun etwas mehr aufpassen, wenn ich Kartons packe und staple.

Das Wochenende werden wir mit dem Vergleichen der diversen Umzugsfirmen-Angebote verbringen (auch hier spannend, dass die Preise bei den Angeboten bis zu 2000 Euro auseinanderklaffen) und in einer Woche bekommen wir die Schlüssel zur neuen Wohnung. So langsam wird es konkreter, auch wenn ich gerade an dem Punkt bin, an dem ich bezweifle, dass wir das alles bis Mitte Februar auf die Reihe bekommen. Aber irgendwie ging es bislang bei jedem Umzug ...

Freitag, 20. Januar 2017

Patricia C. Wrede: A Matter of Magic

"A Matter of Magic" von Patricia C. Wrede beinhaltet die beiden Romane "Mairelon the Magician" und "The Magician's Ward". Obwohl es keine Jahresangaben in den Geschichten gibt, bezeichnet die Autorin die Romane als "Regency Magic" - und die Welt fühlt sich (ebenso wie die Beziehung, die die Menschen zu Magie haben,) sehr nach den "Cecelia und Kate"-Büchern an und auch die Erwähnung des "Royal College of Wizards" in London deutet auf das gleiche Setting hin. (Und wenn ich nach dem Umzug wieder Zugriff zu meinen Cecy-und-Kate-Romanen habe, muss ich mal nachschauen, ob mindestens eine der zum College gehörigen Personen auch da erwähnt wird.)

Protagonistin der beiden Geschichten ist die siebzehnjährige Kim, die ihr gesamtes bisheriges Leben in den Slums von London verbracht hat. Dabei hat die Frau, bei der sie aufgewachsen ist, darauf geachtet, dass Kim von allen für einen Jungen gehalten wird, weil sie so für die "Pflegemutter" nützlicher war. Als Kim klein war, hat sie zusammen mit einer Bande anderer Kinder auf den Straßen die Geldbeutel von Passanten geleert, aber seitdem die "Pflegemutter" tot ist, versucht Kim auf legalere Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei ist sie vollkommen auf sich allein gestellt, was nicht gerade einfach ist, weil die diversen Banden Bedarf für einen Jungen mit ihren flinken Händen hätten. (Und wenn sie wüssten, dass Kim ein Mädchen ist, hätten sie gleich doppelte Verwendung für sie - ich mag, dass die Autorin solche Elemente in ihren Romanen nicht ausspart.)

So kann Kim nicht widerstehen, als sie von einem Mann engagiert wird, um in den Wagen eines reisenden Zauberers einzubrechen. Vor allem, da die Bezahlung hoch genug ist, dass sie Monate davon leben könnte, und ihr Auftraggeber nicht mehr von ihr wünscht, als dass sie eine genauen Blick auf das Inventar des Schaustellers wirft und ihm darüber Bericht erstattet. Obwohl eine innere Stimme sie warnt, dass so ein Einbruch nicht gerade ein kluger Schritt ist, lockt sie die Aussicht auf einen Neuanfang, den sie mit dem versprochenen Geld wagen könnte. Doch dummerweise wird sie von dem Magier Mairelon erwischt, wie sie seine Sachen durchsucht, und findet sich zu ihrer eigenen Überraschung kurz darauf in seinen Diensten wieder. Schnell erfährt sie, dass Mairelon auf der Suche nach einer Gruppe von magischen Gegenständen ist und deshalb von diversen Parteien gejagt wird.

Mehr möchte ich über die Handlung der beiden Romane gar nicht sagen, weil es einfach zu viel Spaß macht selber all die Details und Hintergründe zu entdecken. Ich kann aber noch mitteilen, dass der Zauberer Mairelon natürlich nicht nur die erwartbaren Bühnentricks beherrscht, sondern auch über echte magische Fähigkeiten verfügt. Wobei ich persönlich die Bühnentricks in der Geschichte häufig deutlich nützlicher fand als die Magie. ;) Anfangs entwickelt sich die Handlung eher gemächlich, während Kim, Mairelon und sein Diener Hunch einander besser kennenlernen, Kim Unterricht bekommt (was dank ihrer Grammatik und ihrer Verwendung von Diebesslang schon etwas sehr Eliza-Doolittle-haftes hat) und die Weichen für die weiteren Ereignisse gestellt werden.

Doch je mehr Figuren eingeführt werden, desto mehr Vorfälle gibt es, bei denen Kim mehr Aufregung erlebt als ihr lieb ist. Dabei beweist Patricia C. Wrede ein Händchen dafür eine Situation so auf die Spitze zu treiben, dass ich mich dabei wunderbar amüsiert habe. Es gibt so viele Charaktere in der Geschichte, die alle gegeneinander arbeiten und einander bespitzeln, und dann wieder Figuren, die ganz eigene Motive für ihre Handlungen haben und komplett ahnungslos sind, was überhaupt vorgeht - und gerade deshalb natürlich immer wieder die Pläne aller anderen durchkreuzen. Bei vielen anderen Autoren wäre mir das vielleicht zu viel geworden, aber hier habe ich mich - vor allem am Ende der jeweiligen Romane - wunderbar unterhalten gefühlt und lieber bis tief in die Nacht hinein gelesen als das Buch gerade an einer so amüsanten Stelle aus der Hand zu legen.

Kims Diebesslang ist in der Regel gut zu verstehen, etwas mehr Probleme hatte ich bei der Dialogzeilen von Mairelons Diener Hunch, aber insgesamt kam ich bei den Dialogen eigentlich immer ganz gut mit. Außerdem muss ich zugeben, dass mir "Mairelon the Magician" ein bisschen besser gefallen hat als "The Magician's Ward", weil der zweite Roman sehr viele Szenen hat, die in der Londoner Gesellschaft spielen, was gut geschrieben ist, aber nicht so erfrischend war wie Kims Ansichten über das Landleben, die man im ersten Band mitbekommt. Wenn ich mich richtig erinnere, dann erwähnte Patricia C. Wrede in einem ihrer Bücher, dass sie Georgette Heyer sehr gern liest, und in diesen beiden Romanen gibt es so einige Momente, in denen man das meiner Meinung nach auch merkt. So habe ich das Ganze nicht nur für sich genommen genossen, sondern mir beim Lesen auch immer mal wieder Gedanken gemacht, ob die Autorin gerade auf ein paar meiner Georgette-Heyer-Lieblingsszenen anspielt oder nicht.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Paige Shelton: Farm Fresh Murder (A Farmers Market Mystery 1)

Obwohl ich gerne Cozies lese, probiere ich relativ selten neue Reihen aus, was dazu führt, dass ich schon lange keine Neuentdeckung mehr gemacht habe. Dabei habe ich früher gerade bei den "themenbezogenen" (also mit einem Schwerpunkten wie Quilten, Buchhandlungen oder ähnlichem versehenen) Cozies so einige Autoren gern gelesen. Trotzdem wurde ich neugierig, als Seanan McGuire vor einiger Zeit über Twitter meinte, dass die "A Farmers Market Mystery"-Reihe ihre Lieblings-Cozy-Reihe wäre, und so habe ich den ersten Band auf den Wunschzettel gesetzt. Inzwischen habe ich "Farm Fresh Murder" gelesen und mich so gut unterhalten gefühlt, dass ich die weiteren Teile auf meinen Merkzettel gesetzt habe. (Außerdem vermute ich nach dem Lesen, dass ein Teil von Seanan McGuires Begeisterung darauf zurückzuführen ist, dass sowohl Blaubeeren als auch Kürbisse regelmäßig erwähnt und von der Protagonistin wertgeschätzt werden. *g*)

Die Hauptfigur in "Farm Fresh Murder" ist Becca Robins. Becca ist Mitte Dreißig, zweimal geschieden und lebt zusammen mit ihrem Hund Hobbit allein auf einer alten Farm, die sie von Verwandten geerbt hat. Dort baut sie Beeren und - in deutlich geringerem Umfang - Kürbisse an, verarbeitet ihrer Produkte zu Marmelade und anderen Konserven und verkauft diese auf dem Bauernmarkt in der Nachbarschaft. Die Handlung beginnt an einem ganz normalen Morgen, an dem Becca in ihrer Scheune steht und Marmelade einkochen will. Doch stattdessen muss sie auf einen Notruf ihrer Zwillingsschwester Allison reagieren, die als Marktleiterin des Bauernmarkts damit fertig werden muss, dass einer ihrer Händler ermordet wurde. So schlimm der Mord auch für Becca ist, die sich Gedanken um die Zukunft des Marktes und der anderen Händler nach einem solchen Ereignis macht, so sorgt sie sich doch vor allem um den alten Abner Justen, der verdächtigt wird, den Mord begangen zu haben. Um Abners Unschuld zu beweisen (und ihre eigene Neugier zu befriedigen), beginnt Becca auf eigene Faust zu ermitteln.

Was die Handlung angeht, so fand ich jetzt nicht, dass sich dieser Cozy groß von anderen modernen gemütlichen Kriminalgeschichten unterscheidet. Es war nett zu verfolgen, wie Becca immer mehr über die anderen Händler und ihre Vergangenheit herausfindet, aber auch, wie sie sich Gedanken über ihre Farm und ihre Arbeit macht. Trotzdem war das alles jetzt nicht so besonders, dass das der Grund wäre, warum ich die Reihe weiterlesen mag. Aber mir lag der Humor der Autorin, zum Beispiel wenn es um den einen oder anderen peinlichen Moment für Becca während der Ermittlungen geht, weil das ohne Fremdscham-Anteil für mich als Leser einfach nur amüsant war und ich immer wieder beim Lesen vor mich hingekichert habe. Auch mochte ich das Verhältnis der verschiedenen Figuren zueinander. Zum Teil bestehen Freundschaften zwischen den verschiedenen Händlern, aber es gibt auch Szenen, in denen Becca feststellen muss, dass sie über Menschen, mit denen sie Tag für Tag zusammenarbeitet und mit denen sie sich gut versteht, eigentlich überhaupt nichts weiß.

Dazu kommt noch das Thema "Beziehungen" rund um Becca. Als Singlefrau ist es jetzt nicht so unerwartet, dass im Laufe der Geschichte ein Mann auftaucht, der sich für sie interessiert. Aber ich fand es so angenehm, wie Paige Shelton damit umgeht und dass sie ihre Protagonistin auch in Betracht ziehen lässt, dass der attraktive und sympathische Mann ein möglicher Verdächtiger ist. Auch mit dem ermittelnden Polizisten entwickelt sich so etwas wie eine freundschaftliche Beziehung. Das führt dazu, dass er sie - und das ist zwischen den beiden abgesprochen - benutzt, um an Informationen heranzukommen, aber auf der anderen Seite beantwortet er auch mal ihre Fragen , wenn er das verantworten kann. Trotzdem zieht er auch ganz klare Grenzen, wenn es um Aspekte geht, die einfach Sache der Polizei sind und eine Zivilistin nichts angehen. Irgendwie erschreckend, dass ich das Gefühl habe, ich müsste betonen, dass diese beiden Dinge in diesem Roman so angenehm vernünftig und erwachsen behandelt wurden, aber das ist eben leider nicht selbstverständlich.

Dazu kommt noch eine angenehme und flüssig zu lesende Schreibweise, die dafür sorgte, dass ich auch trotz der einen oder anderen Ablenkung die Geschichte zügig lesen konnte. Die Hintergründe des Mordes hätten zwar etwas weniger klischeehaft sein können und auch die Auflösung ließ sich weit vor dem Ende des Romans erahnen, aber das hat mich bei all den netten und unterhaltsamen Szenen und den sympathischen Figuren nicht gestört. Ich werde mir jetzt nicht die gesamte Serie auf einmal beschaffen, aber ich bin mir sicher, dass ich in absehbarer Zeit den zweiten Band lesen und vielleicht auch eine der anderen Reihen der Autorin ausprobieren werde.

Montag, 16. Januar 2017

Reiko Momochi: Daisy aus Fukushima (Manga)

"Daisy aus Fukushima" ist ein Manga von Reiko Momochi nach dem Roman "Pierrot" von Teruhiro Kobayashi, Darai Kusanagi und Tomoji Nobuta. Ich kann nicht beurteilen, wie nah sich die Mangaka an den Roman hält, aber sie war vor dem Zeichnen des Manga in Fukushima und hat mit Menschen gesprochen, die die Naturkatastrophe und das daraus folgende Atomunglück miterlebt haben und Tag für Tag mit den Folgen fertig werden müssen. Protagonistin des Manga ist Fumi, die 2011 gerade erst ihr letztes Schuljahr begonnen hat. Eigentlich sollte sich ihr Leben in diesem Jahr ausschließlich um die Vorbereitungen auf die Abschlussprüfungen und die Bewerbungen an den diversen Universitäten drehen, stattdessen schafft sie es wochenlang nicht, aus dem Haus zu gehen, weil sie nicht weiß, wie sie mit der Angst vor der Strahlung umgehen soll.

In den folgenden Monaten müssen Fumi und ihre drei Freundinnen Moe, Mayu und Akaya versuchen, trotz all ihrer Ängste wieder in einen einigermaßen normalen Alltag zu finden. Doch einfach ist das nicht bei all den Herausforderungen, denen sich die Mädchen stellen müssen. So müssen sie nicht nur um ihre Gesundheit und die ihrer Angehörigen fürchten, sondern auch um die finanzielle Zukunft ihrer Familien. Obwohl alle vier direkt in Fukushima leben und somit nicht von der Flutwelle betroffen waren, sorgt die Strahlung dafür, dass weder Landwirtschaft noch Tourismus weiterlaufen können. Zusätzlich gilt es die diversen Flüchtlinge zu versorgen, die durch die Katastrophe alles verloren haben.

Obwohl Fumi die Hauptfigur in dem Manga ist, erlebt man als Leser durch die vielen verschiedenen Personen, mit denen sie Kontakt hat, die unterschiedlichsten Schicksale. Manche Elemente, wie die gesundheitlichen und finanziellen Probleme, die Enttäuschung über das Verhalten der Politiker und der Betreiberfirma des Atomkraftwerks, das Festklammern an der Hoffnung, das man bald wieder zurück in seine zerstörte Heimat darf, oder das Auseinanderbrechen von Beziehungen angesichts all der Belastungen, habe ich erwartet. Andere Sachen empfand ich schon als sehr japanisch, wie zum Beispiel die Reaktion des Freundes einer Schülerin, der in Tokyo lebt (mehr möchte ich da nicht ins Details gehen, um nicht zu viel über die Handlung zu verraten), oder den - im Nachwort erwähnten - Selbstmord einer älteren Dame, die der Gesellschaft nach der Katastrophe nicht zur Last fallen wollte.

Doch natürlich ist nicht alles schlecht im Leben der vier Schülerinnen. Die Mädchen versuchen sich umeinander zu kümmern und füreinander da zu sein. Angesichts der Prüfungen, die im letzten Schuljahr auf sie zukommen, hatten die Freundinnen eigentlich ihre Band "Daisy" aufgelöst, doch nun machen sie wieder zusammen Musik, um sich von all den negativen Nachrichten und Erlebnissen abzulenken. Über die Band finden die vier neue Freunde und können anderen Menschen ein bisschen Aufmunterung bringen. So entstehen nicht nur neue Freundschaften und Beziehungen, sondern auch neue Perspektiven und Anstöße für die Zukunft.

Ich mochte es sehr, von den verschiedenen Erlebnissen und Schicksalen der vier Mädchen zu lesen. Ich habe gelacht und geweint, war wütend und glücklich, denn egal, wie schrecklich die Ereignisse rund um Fukushima waren und sind, so gibt es doch immer auch Momente, in denen Freundschaft. Liebe und Hoffnung stärker sind als die Sorgen um die Zukunft. Aber ich frage mich nach dem Lesen des Manga (wie schon in den vergangenen 30 Jahren), wie eine Regierung den Einsatz von Atomenergie nach all den Erfahrungen damit noch verantworten kann.

Die Zeichnungen von Reiko Momochi sind in der Regel sehr ästhetisch und entsprechen gerade bei der Darstellung der Teenager in vielem dem Manga-Klischee (große Augen, spitze Gesichter, schlanke Körper). Aber die Mangaka zeigt in "Daisy aus Fukushima" auch sehr realistische Zeichnungen vom Katastrophengebiet und wunderschöne Landschaften rund um die Stadt Fukushima. Auch bei der Darstellung der vielfältigen Emotionen, die die verschiedenen Charaktere bewegen, konnte mich Reiko Momochi überzeugen, da es ihr durch das feine Mienenspiel der Figuren gelingt, auch zwiespältige Gefühle sehr gut anzudeuten. Ansonsten sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass dieser Manga in japanischer Leserichtung veröffentlicht wurde. Mich persönlich stört das nicht, aber ein paar Leute haben in den Kommentaren bei meinen Jiro-Taniguchi-Rezensionen angemerkt, dass sie damit Probleme haben.

Was die sonstige Qualität des Manga angeht, so bin ich inzwischen daran gewöhnt, dass bei EMA regelmäßig Druckfehler vorkommen. Ich finde es trotzdem ärgerlich, dass der Verlag nicht einmal bei einer Veröffentlichung, die auch die Aufmerksamkeit von Lesern auf sich ziehen könnte, die normalerweise nicht zum Manga greifen, das Lektorat richtig auf die Reihe bekommt. Mich haben die diversen Tippfehler wirklich gestört, die das Lesen zum Teil erheblich erschwert haben und deutlich zeigten, dass manche Elemente ohne einen weiteren korrigierenden Blick einfach per Copy&Paste in die verschiedenen Sprechblasen übertragen wurden. Ansonsten ist die Druckqualität gut und abgesehen von einer Stelle (wo sie im Falz liegt) kann man die vorhandenen Fußnoten auch problemlos lesen.

Samstag, 14. Januar 2017

Mein Mann ...

... ist nicht nur der für mich liebste Mensch der Welt, sondern auch der Mensch, der mich am Besten kennt. Umso mehr haben mich in dieser Woche zwei Dinge verwundert. Zum einen weiß er, dass ich sehr eigen bin, wenn es um die Konsistenz meines Essens geht - und hat mir doch am Donnerstag etwas zum Naschen mitgebracht, das von eher zweifelhafter Konsistenz ist:


Überreicht wurde das hübsche Ding zusammen mit einer sehr ausführlichen Beschreibung davon, wie es sich beim Essen im Mund anfühlt und wie sehr er sich nun vorstellen könnte, dass es genau so sein müsste, Augen zu essen. Außerdem könne er nun sehr gut den Ekel der einen Fernsehköchin nachvollziehen, die in einer Sendung Schafsaugen probieren und dann nachkochen musste. *schluck*

***

Außerdem meinte mein Mann in dieser Woche, dass ich momentan nicht so viele eBooks (es waren eh nur drei Kurzgeschichten!) lesen sollte, weil der Reader ja wohl vermutlich während des Umzugs meine einzige Quelle für Lesestoff wäre ...

Da war ich schon etwas sprachlos. Allerdings muss ich zugeben, dass es zur Zeit bei all den (Bücher-)Stapeln hier im Haus nicht so einfach ist zu erahnen, dass ich schon einen extra Stapel habe mit "Büchern, die ich während der Umzugszeit lese und die im Rucksack mitgeschleppt werden". Auf der anderen Seite kennt er mich doch seit mehr als fünfzehn Jahren und hat schon zwei Umzüge mit mir mitgemacht und hätte das vorraussehen können. :D

Freitag, 13. Januar 2017

Robin Stevens: Murder Most Unladylike (A Murder Most Unladylike Mystery 1)

Die "A Murder Most Unladylike Mystery"-Reihe von Robin Stevens habe ich bei Kiya entdeckt, die den dritten Band der Reihe während des Herbstlesen gelesen hatte (und überhaupt für meinen Geschmack viiiel zu viele interessante Jugendkrimis liest ;) ). "Murder Most Unladylike" wird aus der Perspektive von Hazel Wong erzählt, die im Jahr 1934 gemeinsam mit ihrer Klassenkameradin Daisy Wells versucht, einen Mord aufzuklären, der an ihrem Internat Deepdean passiert ist. Genau genommen stolpert Hazel eines Abends in der Turnhalle über die Leiche der Naturwissenschaftslehrerin Miss Bell, doch als sie wenig später gemeinsam mit Daisy und einer Aufsichtsschülerin zurückkehrt, ist die Leiche verschwunden und niemand - abgesehen von Daisy, die in diesem Schuljahr von Detektivromanen besessen ist - glaubt Hazel.

Da Daisy davon überzeugt ist, dass sie - als Leiterin der "Wells & Wong Detective Society - perfekt dazu geeignet ist, den geheimnisvollen Mord an Miss Bell und das ebenso mysteriöse Verschwinden der Leiche aufzuklären, beginnen die beiden Mädchen, unauffällig im ganzen Internat nach Spuren und Motiven zu suchen. Gemeinsam sammeln sie kleine Informationsbrocken von ihren Mitschülerinnen, und Hazel hält - als Schriftführerin der Society - jeden Gedanken und jedes Detail zu den Ermittlungen in ihren Aufzeichnungen fest. Nach und nach finden die beiden Mädchen immer mehr über die verschiedenen Geheimnisse ihrer Lehrerinnen (und natürlich des Kunstlehrers!) heraus. Und obwohl die beiden - je nach Vorliebe für die verschiedenen Personen - immer mal wieder die Augen vor einem offensichtlichen Hinweis verschließen, macht es sehr viel Spaß, ihre Ermittlungen zu verfolgen und mehr über das Internat, die Gepflogenheiten in dieser Schule, die Lehrerinnen und natürlich die beiden Mädchen zu erfahren.

Anfangs fragt man sich nämlich schon ein bisschen, warum Hazel und Daisy überhaupt so gut miteinander befreundet sind und warum sich Hazel so viel von Daisy gefallen lässt. Aber im Laufe der Zeit erzählt Hazel davon, wie es für sie war, von Hongkong nach Deepdean zu kommen, wie ihr erster Eindruck von Daisy war und wie sie die Mitschülerin immer besser kennenlernte. Daisy kommt nicht zu Wort, aber allein durch die ganzen Dialoge mit Hazel und die lebhafte Schilderung ihrer Gestik und Mimik kann man sich ein sehr gutes Bild von dem selbstbewussten Mädchen machen. Gerade durch ihre Gegensätzlichkeit ergänzen sich die beiden Schülerinnen ganz hervorragend, wenn es um ihre Ermittlungen geht. Ich habe "Murder Most Unladylike" sehr genossen - und prompt die Fortsetzungen auf den Merkzettel gesetzt -, obwohl ich für meine Verhältnisse sehr viele Tage an dem Roman gelesen habe und zwischendurch stellenweise sogar das (zum Glück vorhandene) Personenregister anschauen musste, um die verschiedenen Lehrerinnen und Schülerinnen wieder zuordnen zu können.

Ich mochte diese Mischung aus erstaunlich stimmigem Kriminalfall an einem Mädcheninternat, der ebenfalls realistischen Beschreibung der Freundschaft zwischen Hazel und Daisy und den Rückblicken, die den Leser über Hazel und ihr neues Leben in England informieren. Für die junge Asiatin gibt es sehr viel Befremdliches in diesem Mädchen-Internat in den 30er Jahren und natürlich begegnet sie auch immer wieder Vorurteilen von Seiten ihrer Mitschülerinnen (kein Wunder, wenn man überlegt, dass zu der Zeit in Groschenromanen asiatische Verbrecherbanden ein großes Thema waren). Umso amüsanter fand ich für mich die Passagen, in denen Hazel erzählt, wie sie dann doch ihren Weg im Internatsalltag und Freundinnen fand, mit denen sie nun ein Zimmer teilt.

Auch wenn mein Geldbeutel nicht so begeistert sein wird, so freue ich mich doch sehr, dass ich noch (mindestens) vier weitere Bände mit Hazel und Daisy vor mir habe. Ich bin gespannt, was für Fälle die beiden Mädchen beim nächsten Mal aufklären müssen und zu welchen ungewöhnlichen (und skrupellosen) Methoden Daisy bei ihren Ermittlungen greifen wird.